Donnerstag, 6. Oktober 2016

Der König in Grau

"Das Ding sieht ziemlich groß aus!"
Barn brummte und nickte. Das Ding sah ziemlich groß aus. Aber Worte über das Offensichtliche zu verlieren, lag nicht in seiner Natur.
In der seines Begleiters schon. Der Mund von Jonse Silberhand stand selten still.
"Hoch wie ein Haus, nein, hoch wie ein Turm! So hoch wie der Brühturm im Tiefhafen!"
Worte waren ein Teil seine Berufs: Jonse hatte als Fremdenführer in Haubrugg gearbeitet. Diese ehrbare Tätigkeit war allerdings nicht besonders gut bezahlt gewesen, daher hatte er, während er seine Kunden mit spannenden Geschichten über die schöne, alte Stadt an der See faszinierte, ihnen gleichzeitig geschickt die Taschen geleert.
Sein Nebenerwerb – und die seiner Meinung nach unverhältnismäßige Reaktion der Stadtwache darauf – war der Grund, warum Jonse jetzt zusammen mit dem Barbaren Barn durch die nebelverhangene Wildnis von Schilfmahr irrte, sechzig Meilen von der alten Handelsstadt und ihrer kleinlichen Justiz entfernt.
"Meinst du, das könnte ein versteinerter Troll sein?"
Barn zuckte mit den mächtigen Schultern. Er hatte keine Erfahrung mit Trollen, auch wenn es in seiner Heimat, dem Hochnorland, angeblich viele davon geben sollte.
Er kniff die Augen zusammen, um den Gegenstand des Gesprächs genauer zu betrachten.
Was da in etwa einer halben Meile Entfernung hinter den runden Rücken zweier Hügel aufragte, hatte tatsächlich Merkmale einer menschlichen Gestalt. Im unvermeidlichen Nebel waren nicht alle Einzelheiten zu erkennen, aber das Ding hatte einen Kopf, rundlich abfallende Schultern, und so etwas wie Arme. Darunter war der Nebel zu dicht, um mehr zu verraten. Von der Farbe her erinnerte die Gestalt allerdings an verwitterten Fels, und es wuchsen auch ein paar Büsche darauf, weswegen der Barbar geneigt war, das Ganze für einen merkwürdig geformten Berg zu halten.
"Hm", machte er. "Geh'n wir hin un' schaun nach, hm?"
Er beschleunigte seinen Schritt, ohne abzuwarten, ob Jonse ihm zustimmte. Es war ihm auch egal. Sein Begleiter mochte geschickt mit Worten umgehen können, hier draußen zählte nur die Tat. Und Barn war ein Täter.
Jonse blieb nichts anderes übrig, als hinter Barn herzustolpern, denn er wusste genau, dass er ohne den muskulösen Riesen in der Wildnis verloren war.

Während die beiden Männer sich dem Objekt im Nebel näherten, wurde deutlich, dass es nicht von einer Laune der Natur geformt worden war, sondern von Menschenhand. 
Dunkle, gerade Linien durchzogen das Gebilde und verrieten, wo große, behauene Felsblöcke aufeinander gesetzt worden waren.
"Bei Haumonia! Es ist eine Statue! Eine riesige, steinerne Figur!", stellte Jonse schließlich fest, und es lag Erleichterung in seiner Stimme. Er hatte die Möglichkeit eines schlafenden Trolls ernsthaft erwogen.
"Hm!", machte Barn.
Die Statue mochte dreißig Meter hoch sein; sie stellte einen Mann mit verschränkten Armen und einem langen Mantel dar, der glockenförmig bis zum Boden ging. Der untere Bereich der Figur war direkt aus dem gewachsenen Fels herausgeschlagen worden, Oberkörper und Kopf bestanden aus zusammengesetzten Blöcken. Diese Blöcke waren aus einem dunkleren Stein als die Felsen der Gegend, sie mussten also aus einiger Entfernung herbeigeschafft worden sein.
Insgesamt wirkte die Gestalt unproportioniert und nicht besonders kunstvoll, aber die groben Gesichtszüge blickten derart herrisch in das nebelschwere Land, das den beiden Betrachtern wenig anderes blieb, als beeindruckt und ein wenig eingeschüchtert aufzublicken.
"Ob das ein Grabmal ist?" Jonse rieb sich seinen Kinnbart. "Vielleicht liegt da ein alter König?"
"Hm!", machte Barn. Die Idee gefiel ihm. Wo alte Könige lagen, gab es häufig auch alte Schätze. "Lass' uns nachsehn, ob's einen Eingang gibt. Du gehst da rum, ich da."
Der Barbar verdeutlichte mit einem dicken Finger seine Absicht, die Statue von rechts zu umrunden, während Jonse links herum gehen sollte.
Der Dieb zögerte kurz. Obwohl es keine erkennbare Bedrohung gab, war ihm der Ort unheimlich, und der Gedanke, sich von seinem Begleiter trennen zu müssen, gefiel ihm nicht.
Schließlich nickte er. "Wenn ich was finde, imitiere ich den Schrei der Eule."
Barn grunzte. Er hatte keine Ahnung, was 'imitieren' bedeutete, aber er war sich sicher, dass er Jonse hören würde, wenn der etwas von sich gab.

Der Nebel wurde dichter, als Jonse langsam um die Statue herumging.
Der Boden unter seinen Füßen war matschig und machte klebrige Geräusche, die ihn an die dicke Grütze erinnerten, die er als Kind im Waisenhaus bekommen hatte. Als ob das noch nicht genug wäre, kroch ihm ein widerlicher, kalter Aasgeruch in die Nase, der aus der Richtung der moosbewachsen Felsen zu kommen schien.
Jonse schloss kurz die Augen. Ein heißes Bad und ein duftender Kräutertee, das war, was er jetzt brauchte, und nicht ein weiteres Abenteuer innerhalb dieses schwer zu ertragenden Abenteuers seiner Flucht. Ein heißes Bad, und dann ein kräftiges Mittagessen. Dazu ein Glas grünen Wein.
Mit einem Seufzer öffnete er die Augen wieder und betrachtete die Basis der Statue. Der Fels war mit großem Aufwand geglättet worden, hier mussten Dutzende von Steinmetzen gearbeitet haben.
Wer stellte so etwas mitten ins Nichts? Welcher brennende Ehrgeiz hatte die Hände angetrieben, die hier am Werk gewesen waren?
Er zuckte die Achseln. Eigentlich interessierte es ihn nicht. Er wollte weg von diesem rätselhaften Ort, weiterziehen in Richtung der Stadt Brucken, in die der große Barbar ihn bringen sollte. Zurück in die Zivilisation, wo er hingehörte. Aber bis er dort war, musste er den sprunghaften Nordmann bei Laune halten, und deshalb ging er weiter an der Felsflanke entlang, sorgfältig Ausschau haltend nach einem Eingang oder einer anderen Besonderheit.
"Bewundert ihr auch dies kühne Werk königlicher Kunst?", fragte da eine näselnde Stimme hinter ihm. "Wollt ihr es von innen sehen?"

Nachdem Jonse im Nebel verschwunden war, betrachtete Barn die riesige Figur eine Weile lang mit gerunzelter Stirn. Er dachte über Konsequenzen nach, eine Seltenheit bei ihm.
Wenn es hier etwas zu holen gab, wie würden sie es transportieren? Der Dieb war dürr wie ein junger Baum, mit dünnen Ästen, wo ein richtiger Mann Arme hatte. Er würde kaum etwas tragen können, schon gar nicht über längere Zeit.
Und wenn er wider Erwarten doch in der Lage war, Barn zu helfen, würde das vermutlich dazu führen, dass er etwas von der Beute behalten wollte.
Der Barbar zerbiss einen Fluch zwischen seinen kräftigen Zähnen. Solche Probleme hatte er nie, wenn er alleine unterwegs war!
Nicht zum ersten Mal bereute er, dass er der schönen Jani versprochen hatte, ihren Freund Jonse durch die Wildnis nach Brucken zu bringen. Die schöne Jani war außerordentlich entgegenkommend gewesen, aber das war mittlerweile auch schon wieder sieben Tage her, und langsam schwand die Dankbarkeit des Nordmanns.
Er blickte auf zu dem grimmigen Steinhaupt, das über ihm dem Nebel trotzte, und schnitt eine Grimasse. Wahrscheinlich wäre es besser, hier nichts zu finden. Die ganze Denkarbeit strengte ihn an.
Dann hörte er ein schauerliches Heulen. Jonse! Bei Gruunz, es klang, als hätte der Bursche es geschafft, in Schwierigkeiten zu geraten. Er zog seinen Dolch und setzte sich in Bewegung.

Erstaunt sah Barn, dass Jonse nicht allein war. Eine untersetzte Gestalt stand neben dem dünnen Dieb, und der Barbar legte sein Gesicht in nachdenkliche Falten, als er beim Näherkommen feststellte, dass die Gestalt eine gewisse Ähnlichkeit mit der Statue hatte. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt, trug einen glockenförmigen Mantel und starrte mit vorgerecktem Kinn auf den heraneilenden Nordmann. Und ihre vorherrschende Farbe war ein schmutziges Grau.
Jonse lächelte schief, als Barn schließlich neben ihm stand.
"Hallo Barn. Das hier ist… König Grau", er zwinkerte dem Barbaren zu. "Ihm gehört die Statue und das Land hier. Er hat angeboten, uns das Innere zu zeigen."
Barn nickte dem Mann zu. König Grau wirkte wenig königlich: er war klein und unförmig, sein Gesicht eingefallen und aufgedunsen zugleich und von ungesunder Farbe. Das Haar war dünn, lang und ungepflegt, der Bart ähnelte einer verbogenen Drahtbürste. Und was aus der Ferne wie ein Mantel gewirkt hatte, war bei direkter Betrachtung eine Masse übereinander genähter Lumpen - was dem Mann das Aussehen eines kranken Vogels verlieh. Dieser Eindruck wurde noch verstärkt durch die große Nase, die König Grau jetzt wie einen angriffslustigen Schnabel gegen den Barbaren richtete.
"Ha, ein großer Bursche!", rief König Grau mit hoher Stimme. "Ihr könnt sicher eine Menge vertragen, was?"
Seine wässrigen, farblosen Augen blinzelten herausfordernd. Barn fiel zu der Frage nichts ein, daher nickte er unverbindlich und brummte dann: "Hm, du siehst aus wie der Steinmann hier, Alter, bist du sein kleiner Bruder?"
König Grau starrte den Nordmann einen Moment lang an, dann brach er abrupt in ein meckerndes Gelächter aus.
"Ha, der große Bursche ist scharfsinnig!", stellte er fest, nachdem er sich wieder beruhigt hatte. "Aber ich bin eher sein Vater, nicht sein Bruder! Er ist der Graumann, der Mittelpunkt des Reichs Grau. Kommt, ich will euch alles genau zeigen, damit ihr versteht!"
Er griff nach dem Ärmel von Barns Lederjacke, doch der wich der Hand des Königs geschickt aus. König Grau wandte sich unbeeindruckt an Jonse.
"Eine Welt der Wunder erwartet euch dort drinnen, es wäre unverzeihlich, wenn ihr nicht mit mir kommt!"
Der Dieb hob abwehrend die Hände und trat einen Schritt zurück.
"Eigentlich haben wir keine Zeit, verehrter König – wir sind in wichtigen Geschäften unterwegs, die keinen Aufschub dulden."
Über den Kopf des Königs hinweg signalisierte er Barn mit rollenden Augen, dass er den kleinen, grauen Mann für komplett bescheuert hielt und es vorziehen würde, seine Gesellschaft schleunigst zu verlassen.
Der Barbar, der mit subtilen Zeichen so wenig anfangen konnte wie mit einer Puderquaste, grunzte nur und fragte: "Hm, und was sind das für Wunder, da in deinem Steinmann? Schätze?"
König Grau zeigte eine Menge Zähne in unterschiedlichen Stadien des Verfalls.
"Schätze! Richtig! Schätze, so ungeheuerlich, dass du sie dir gar nicht vorstellen kannst, großer Bursche!", rief er und klatschte in die Hände. "Kommt, ihr sollt alles sehen!"
Barn nickte. Langsam und sorgfältig versenkte er seinen Dolch wieder in der Hirschlederscheide an seinem Gürtel. So, dass er ihn schnell wieder ziehen konnte. "Gut, Alter. Zeig uns alles!", sagte er.
Jonses Gesichtszüge entgleisten für einen Augenblick.

König Grau watschelte majestätisch über das feuchte Gras, als marschiere er an der Spitze einer Parade. Er schien sich sogar selbst mit Musik zu begleiten: sein schwerer Atem erzeugte rhythmische Flötentöne in seiner kräftigen Nase.
Hinter ihm flüsterte Jonse dem Barbaren seine Bedenken zu: "Der Typ ist verrückter als drei Katzen in einem Wasserfass! Wer weiß, in was für eine Art Falle er uns locken will?"
Barn grinste nur und machte mit der Hand eine abrupte Bewegung über seinen Hals, was Jonse zum Schweigen brachte.
Der Dieb ließ sich zurückfallen und überlegte bedrückt, ob die Geste nun ihm oder dem König gegolten hatte.

Der Fels auf der Rückseite des Graumanns war mit einem bräunlichen Belag überzogen, aus dem an einigen Stellen rostfarbene Flüssigkeit tropfte. Ein scharfer, metallischer Geruch mischte sich hier in den allgegenwärtigen Gestank von Verfall und Fäulnis. Das Resultat erinnerte den Barbaren an den toten Atem eines verlassenen Schlachtfeldes.
König Grau hob eine Hand und blieb stehen.
"Bevor wir nun das Innere betreten, lasst mich euch kurz einstimmen auf das, was euch erwartet! Vor langen Jahren haben meine ruhmreichen Vorfahren diesen Felsen gefunden, und die Höhlen darin. Ihre Burg haben sie daraus gemacht, das Haus Grau! Und ehrenvolle Ritter waren sie, sie bewachten das raue Land, und schützten die Züge der Kaufleute, die in alter Zeit zu den Kupferwerken im Norden fuhren. Kein Leid geschah jenen, die den Schutz erwarben von Haus Grau!"
Jonse blickte auf den König, dann auf die Flanke des Graumanns, die sich über ihm im Nebel verlor. Die Erzählung erinnerte ihn an gewisse Aufzeichnungen im Archiv des Bullwarks, des alten Rathauses zu Haubrugg. Dort war von einer Bande von Wegelagerern die Rede, die in den Zeiten der Hammerfürsten entsetzliche Untaten entlang der alten Kupferstraße begangen hatten, und die man aus gutem Grund die Leichenteiler genannt hatte. Man hatte ihr Versteck im Sietland vermutet, aber es war nie gefunden worden. Und da sie nach fünf Jahren plötzlich wieder verschwunden waren, hatte man sie offiziell vergessen. Das war jetzt zwei Menschenalter her.
"Doch dann begann die Zeit der Großen Einkehr, aus Kriegern wurden Gelehrte, und Graf Grau, der Vater meines Vaters, verkündete das Reich Grau, das wahre Utopia! Graf Grau sammelte alle Getreuen, und begann die Errichtung des Graumanns. Große Opfer wurden gebracht, denn der Graumann sollte ein lebendiges Wunder werden!"
König Grau senkte den Kopf.
"Bis auf den heutigen Tag harrt er auf seine Vollendung", fügte er sehr leise hinzu. Dann ruckte sein Schnabel wieder nach oben. Seine wässrigen Augen fixierten Jonse.
"Jetzt kommt, alles andere erfahrt ihr im Innern!"
Er zeigte auf den braun verkrusteten Fels.
Eine in Stein gefasste Treppe führte unter den Mantelsaum des Graumanns. Schmutz und Unrat hatte sich auf den Stufen gesammelt, und ein übler Geruch wehte herauf, aber König Grau präsentierte das Ganze wie ein Tor zu höheren Welten.
"Schreitet hinab, und betretet das Herz des Reichs Grau!", rief er triumphierend.
Jonse blickte mit zusammengepressten Lippen die Stufen hinunter. Er hatte das Gefühl, er blicke in ein offenes Grab – sein Grab. Schaudernd trat er ein paar Schritte zurück. "Barn, du gehst vor", sagte er.
Der große Barbar schüttelte den Kopf. Er deutete auf König Grau.
"Der geht zuerst, er is' der Führer!"
König Grau ließ sein meckerndes Lachen hören.
"Hält Ehrfurcht euch zurück? Folgt mir einfach!"
Begleitet von den pfeifenden Tönen seiner Nasenflöte, stieg der König majestätisch schwankend die Treppe hinab. Er schien bester Laune.

Der Weg ins Innere des Graumanns führte durch einen langen, engen und niedrigen Tunnel. Die Wände waren feucht und stanken nach Eisen, der Boden war mit einer dicken Schlammschicht bedeckt.
Jonse ging als Letzter. Stellenweise versanken seine Füße bis über die Knöchel in eiskaltem Wasser, und er fluchte leise. Genau das hätte er in den Verliesen von Haubrugg auch haben können, dafür hätte er keine sechzig Meilen durch die Wildnis laufen müssen! Eine Vorahnung unausweichlichen Unheils überkam ihn, und seine Zähne klapperten nicht nur wegen der Kälte.
Die enorm breiten Schultern des vor ihm gehenden Barbaren hätten ihm eigentlich ein Gefühl der Sicherheit vermitteln müssen, aber Jonse fürchtete, dass Barn die Situation unterschätzte. Auch wenn König Grau kränklich und schwach wirkte, fühlte der Dieb, dass es hier noch etwas anderes gab, eine verborgene Macht, die den Ort durchdrang und beherrschte. Eine Macht, die mit Muskeln nicht zu besiegen war. In diese düsteren Gedanken versunken, prallte Jonse gegen den Barbaren, der plötzlich stehengeblieben war.
"Was ist?", flüsterte Jonse.
Barn antwortete nicht. Der Dieb sah, wie sich die lederne Jacke vor ihm verformte, als der Barbar seine Muskeln spannte. Das gefiel ihm überhaupt nicht.
"Was ist los?", fragte er noch einmal, lauter und drängender.
"Hm!", machte Barn und trat einen Schritt nach vorn und zur Seite.
Das Innere der Graumanns öffnete sich vor Jonse.

Es war ein einziger, riesiger Raum, kreisrund, und ehrfurchtgebietend hoch.
Graues Licht fiel von oben herab, wo die Decke sich zu einer Kuppel wölbte, und beleuchtete eine gewaltige Struktur, die den Raum fast völlig ausfüllte.
Dutzende mit Metall verstärkte Holzbalken, dick wie die Masten eines Hochseeschiffs, bildeten ein Gerüst, in dem ein verwirrend komplexes Gehwerk von Zahnrädern, Stangen und Ketten aufgehängt war. Manche der Räder waren so groß wie ein Haus, andere nicht größer als eine Hand. Dazwischen gab es mit Leitern verbundene Plattformen, Gitterkäfige, eisenumwickelte Fässer, Flaschenzüge und Eimerketten. In der Mitte befanden sich mehrere riesige hölzerne Treträder, die über Ketten oder Lederbänder mit Wellen aus Metall verbunden waren, die wiederum in das Dickicht der Zahnräder führten.
Jonse starrte fassungslos auf die Konstruktion. Er hatte mit einer Bande mordlustiger Irrer gerechnet, oder einem Konvent von Fäulnisanbetern – was, genau genommen, auf das Gleiche hinauslief – aber nicht mit einer Maschine, die noch komplizierter aussah als die großen Hafenkräne, die er aus Haubrugg kannte.
König Grau lächelte zufrieden, als er das Erstaunen seiner beiden Besucher sah.
"Das, meine lieben Freunde, ist das Erste Herz des Graumanns", verkündete er feierlich.
"Hm", machte Barn nach einer Weile. "Aber warum isses so kaputt?"
Jonse runzelte die Stirn, aber dann erkannte er, was der Barbar meinte – der Mechanismus war auf den ersten Blick beeindruckend, aber er war auch völlig verrottet. Die Zahnräder waren mit dicken Rostschichten oder schuppigem Grünspan überzogen, an manchen Stellen waren sie mit Ketten und Wellen zu unförmigen Klumpen verbacken, und die gesamte rechten Seite des Gerüsts stand schief, wie von einer gewaltigen Kraft eingedrückt. Zu was auch immer die Anlage früher gedient haben mochte, jetzt war sie eine Ruine.
"Weil es überflüssig ist, großer Bursche!", rief König Grau fröhlich. "Graf Grau war ein guter Mann, aber er war nicht direkt genug! Er wollte dem Graumann das Leben einer Maschine geben, dabei hat er nicht bedacht, dass es auch einfacher geht. Aber kommt, ich will euch noch mehr zeigen!"
Sein Mantel raschelte über den mit Unrat bedeckten Boden, als er Jonse und den Barbaren von der Zugangstür wegführte. Jonse erkannte mit Unbehagen, dass das meiste, was herumlag, Reste von Kleidung waren, Hosen, Jacken, Röcke und Mieder, als hätte eine große Menge Menschen sich hier achtlos ausgezogen. Der Großteil war vermodert, aber einige Stücke wirkten noch recht neu.

König Grau blieb vor einer großen, runden Öffnung im Boden stehen. Vier kupferbeschlagene Balken, jeder dicker als ein Pferdeleib und mit schwerem Seil umwickelt, führten hier aus der Seite der Maschine senkrecht in die Tiefe.
Jonse warf einen Blick auf die gegenüberliegende Seite des Raumes – dort gab es die gleiche Konstruktion, allerdings waren die Balken gebrochen und hingen schief in der Öffnung. Ein Gedanke kam ihm, der so absurd war, dass er laut auflachte. Waren das – Beine? Hatten die Männer von Haus Grau versucht, ihren steinernen Graumann mit diesem kranartigen Apparat zum Laufen zu bringen, den Felsen zu einer wandelnden Festung zu machen?
Tatsächlich würde einiges von dem wirren Gerede des verrückten Königs etwas mehr Sinn machen, wenn es so war – dann wäre die Maschine das Herz der Statue, und zum Schlagen gebracht würde es durch – was? Er betrachtete die großen Treträder. Durch die Kraft von Menschen. Vielen Menschen. Große Opfer wurden gebracht, denn der Graumann sollte ein lebendiges Wunder werden. Ihn schwindelte bei der Überlegung, wie viele Menschen es allein gebraucht hatte, die Statue und die Maschine zu errichten, und wie viel mehr nötig wären, sie zu betreiben.
Hieß es in den Berichten über die Leichenteiler nicht, dass in der Zeit ihrer Überfälle ganze Kaufmannszüge spurlos verschwunden seien, so viele, dass selbst die autokratischen Hammerfürsten schließlich genötigt waren, auf den Druck der Bürger hin Suchtrupps auszusenden?
Männer, Frauen, vielleicht sogar Kinder. Es mussten Hunderte gewesen sein. Wo waren sie hin?
Er war so in diese bedrückenden Gedanken versunken, dass ihm der schier unerträgliche Gestank erst langsam ins Bewusstsein sickerte. Ein Geruch, übler als alles, was das Haubrugger Schlachthaus selbst im Hochsommer hergab, stieg aus der Dunkelheit der Beinöffnung auf.
Jonse taumelte zurück. Seine Überlegungen und der Gestank verbanden sich und ließen nur eine Schlussfolgerung zu.
"Barn!", würgte er hervor. "Wir müssen raus hier! Sofort!"
Der Barbar, der durch seinen derben Lebenswandel einiges mehr gewohnt war als der feinfühlige ehemalige Fremdenführer, hob eine Braue und machte: "Hm?"
"Wir. Müssen. Gehen!" Jonse verspürte die selbstmörderische Lust, diesen groben, einfältigen Klotz in sein breites Gesicht zu schlagen. Begriff er denn gar nichts?
"Aber ihr könnt jetzt nicht gehen!", rief König Grau.
"Wieso nicht?", fragte Jonse. Er war äußerst angespannt, nicht nur der Gestank machte ihn krank, sondern auch die Angst, dass König Grau noch irgendeine Macht besaß, die sie hinabzerren würde in das Dunkel dieses stinkenden Abgrunds, dem seine Füße immer noch viel zu nahe waren.
Der Mann blickte verwundert. "Ihr habt die Schätze doch noch gar nicht gesehen!"
"Ich bin mir sicher, dass wir sie nicht sehen wollen!" Jonse ging langsam rückwärts, dorthin, wo seiner Hoffnung nach der Ausgang lag. "Stimmt's Barn?"
Der Barbar legte seine Stirn in Falten. "Ho, was issen los mit dir, Mann?", fragte er unwirsch.
"Der Gestank, Barn! Riechst du es nicht? Hunderte von Toten! Dort unten! König Grau ist ein Massenmörder!"
Der König starrte Jonse an, dann brach er in sein meckerndes Gelächter aus. Es hallte von den Wänden wieder und wollte lange nicht enden.
"Der junge Bursche nennt König Grau in seinem eigenen Reich einen Massenmörder!", rief er schließlich, mit immer noch von entsetzlicher Heiterkeit erschütterter Stimme. "König Grau, der ihn teilhaben lassen will am Wunder des Graumanns!"
Er wischte sich seinen Schnabel mit dem Handrücken und zwinkerte. "Das ist impertinent! Aber ich vergebe ihm. Aufregung ist verständlich, hier zwischen den Herzen von Reich Grau. Lasst uns weitergehen!"
Würdevoll schlurfte König Grau um die Öffnung herum und zeigte in eine Richtung, in der sich tiefe Schatten ballten. "Dort werdet ihr das neue Herz des Graumanns sehen, dessen Vollendung allein mir obliegt!"
Barn warf Jonse einen zweifelnden Blick zu, dann folgte er dem König. Jonse fühlte, wie ihm Hitze ins Gesicht stieg.
"Und was ist damit?", schrie er. Er deutete auf den Abgrund. "Wollt ihr uns nicht erklären, was da unten ist?"
König Grau wandte kurz den Kopf. "Aber nein. Dort ist alles tot." Er kicherte. "Das Loch ist nur noch gut für die Abfälle."

Jonse spürte, wie ihn alle Kraft verließ, während er zusah, wie der König und Barn im großen Schatten der Maschine verschwanden. Er war hier allein. Er war die einzige Stimme der Vernunft in diesem Wahnsinn, und er würde ungehört verhallen wie der letzte Atemzug eines vergessenen Gefangenen. Er erinnerte sich wieder an die schlimmste Strafe im Waisenhaus: den Stillen Keller. Nicht die Schläge und Tritte der frommen Schwestern, auch nicht die zusätzliche Arbeit oder der Essensentzug hatten ihm am meisten zugesetzt, sondern die Zeiten im untersten Keller des Hauses, alleine unter einem einzelnen Licht, umgeben von Dunkelheit und Stille. Denn die Dunkelheit und die Stille gebaren die mächtigsten Ungeheuer: die, die im eigenen Kopf wohnten.
"Wartet auf mich!", rief er, und seine eigenen, taumelnden Füße hätten ihn beinahe in den entsetzlichen Abgrund gestürzt, als er dem König und dem Barbaren voll Panik hinterherlief.

König Grau war vor einer Reihe von neun steinernen Podesten stehengeblieben, die entlang der Innenwand des Graumanns aufgestellt waren. Der Anblick erinnerte Jonse an die Krypta der Hammerfürsten mit ihren aus Granit gehauenen Sarkophagen, da auch hier liegende Figuren dargestellt waren. Zumindest auf acht von den neun Sockeln.
Der König hob die Arme. In seinem Mantel aus Fetzen wirkte er wie eine angreifende Eule.
"Ich war noch sehr jung, als das Große Unglück geschah. Unter vielen Opfern hatten die Getreuen das Erste Herz fertiggestellt, und Graf Grau gab den Befehl, es zu erwecken. Alle sammelten sich in den Rädern, und bald erschütterte der gleichmäßige Schlag des Herzens den Graumann. Voll Stolz und Zuversicht erwarteten wir, dass er sich jetzt erheben würde aus seinem steinernen Bett, um donnernd hinauszuschreiten zur Unterwerfung der Welt. Aber wir hatten nicht mit der Heimtücke unserer Gegner gerechnet: unter dem Material, das zum Bau des Herzens verwendet wurde, mussten in böser Absicht präparierte Stücke gewesen sein, denn nach seinem zehnten Schlag brach das Herz. Dutzende Getreue wurden zermalmt im versagenden Räderwerk. Auch Graf Grau starb an diesem Tag, er stürzte von der Spitze des Herzens in den Tod."
König Grau verstummte, den Schnabel in Trauer zum Boden gesenkt. Es dauerte lange, bis er mit leiser Stimme fortfahren konnte.
"Nach dem Großen Unglück gab es nur noch wenige von uns, und nur einer glaubte noch an das große Ziel des Reichs Grau: mein Vater, der nach dem Fall von Graf Grau den Titel des Herzogs Grau annahm. Mein Vater war bereits der größte Gelehrte von Haus Grau, und jetzt vervielfachte er seine Anstrengungen. Schweren Herzens opferte er die letzten Getreuen der Forschung, denn sein Ziel war nicht weniger, als die Essenz des Lebens zu destillieren!"
Mit einer triumphierenden Geste wies König Grau auf die Sockel.
"Und er hatte Erfolg! Es gelang ihm, alte Arkana in Stein zu bannen, so dass die Kraft des Lebens selbst hineingezogen wurde in das, was zuvor als tot galt!"
Jonse betrachtete die Podeste genauer, und spürte, wie seine Kehle eng wurde, während sein Verstand darum kämpfte, nicht erkennen zu müssen, was seine Augen unzweifelhaft sahen: das waren keine Skulpturen dort auf den Sockeln, sondern menschliche Wesen. Oder etwas, was einmal menschlich gewesen war, denn große Bereiche der Körper hatten die Farbe und Struktur des Gesteins angenommen, auf dem sie lagen. Trotzdem glaubte Jonse, bei einigen, deren Rümpfe noch Ähnlichkeit mit bleichem Fleisch hatten, ein schwaches Heben des Brustkorbs feststellen zu können.
Er hielt sich beide Hände vor den Mund, um sein Entsetzen nicht herauszuschreien. Denn er fürchtete, dass einer dieser grauen Köpfe die Augen öffnen würde, wenn er einen Laut von sich gab. Und dann hätte er unzweifelhaft den Verstand verloren.
"Ho, un' wo sind nun die Schätze, Alter?", fragte der Barbar, der unbeeindruckt auf die Sockel starrte und dort nicht das sah, was er sehen wollte.
König Grau lachte meckernd. "Großer Bursche! Begreifst du denn nicht? Sieh diese Getreuen, deren Essenz sich mit dem Stein verbindet! Sie werden für immer fortdauern im mächtigsten Geschöpf dieser Welt – dem Graumann!"
Barn grunzte und nickte, als fände er bestätigt, was er schon länger vermutet hatte.
"Du hast also gar keinen Schatz, hm?"
Der König lächelte fein.
"Oh doch! Und er wartet hier auf einen von Euch, dort auf diesem Sockel! Der Schatz der Unsterblichkeit!"
Er zeigte auf das eine Podest, auf dem noch kein Körper lag.
Jonse fand zu seiner Stimme zurück. "Du glaubst allen Ernstes, dass einer von uns sich da hinlegt und sich aussaugen lässt?"
König Grau sah ihn mit echtem Entsetzen an.
"Aber warum denn nicht?", rief er. "Keine Schmerzen, keine Krankheit, keine Sorgen mehr, dafür ewiges Leben und grenzenlose Kraft!"
Jonse schüttelte den Kopf. "Auf ewig in eiskaltem Stein gefangen? Nie mehr etwas fühlen können? Alter Mann, du hast keine Ahnung von der Essenz des Lebens!"
König Graus Gesicht wurde starr.
"Du denkst zu klein, junger Bursche! Aber das war mir schon klar." Er wandte sich Barn zu. "Dein großer Freund hier, der ist allerdings ein ganz anderer Mann. Der weiß, was wichtig ist: Kraft und Größe!"
Barn runzelte die Stirn, sagte aber nichts.
"Es waren immer die Großen und Starken, die mein Angebot angenommen haben!", rief der König. "Nie die Versager. Nie die Ängstlichen. Nie die, die eigentlich nichts mehr zu verlieren hatten! Die wollten leben, immer weiter machen in ihrem Elend!"
Jonse betrachtete den kleinen Mann, der in seinem zornigen Eifer kleine, purpurfarbene Speicheltropfen versprühte. Und plötzlich begann Jonse zu lächeln. Er glaubte, etwas begriffen zu haben.
"Ist das der Grund, warum du dich nicht selber dort hinlegst, alter Mann?", fragte er ruhig. "Weil du eigentlich nichts mehr zu verlieren hast, aber trotzdem immer weitermachen willst in deinem Elend?"
Der Ausdruck absoluten Grauens, der das Gesicht des Königs verzerrte, verriet Jonse, dass er recht gehabt hatte.
"Nein!", schrie der König. "Das ist nicht der Grund! Ich bin der König Grau! Ich habe Verantwortung für das Reich! Ich kann nicht geopfert werden!"
Er ballte die grauen Hände zu Fäusten und schüttelte sie in hilflosem Entsetzen.
In diesem Augenblick stieß Barn laut und pfeifend die Luft aus.
"Ho, Jonse, mir reicht's hier. Ich geh", knurrte er.
Jonse nickte. "Ich auch."
Sie wandten sich ab von König Grau und seinen neun Sockeln, von denen einer leer war.
"Nein!" König Graus Stimme überschlug sich. "Ihr könnt nicht gehen! Ich erlaube es nicht!"
Jonse spürte, wie er von hinten gepackt wurde, aber der Griff des Königs war so schwach, dass er ihn mit einer entschlossenen Drehung abwehren konnte. Er stieß den Mann zurück, so dass König Grau gegen den leeren Sockel taumelte und stürzte. Ein grässlicher Schrei ertönte, aber Jonse sah sich nicht einmal mehr um.

"Eine blöde Idee war das, hier rein zu geh'n", brummte der Barbar neben ihm.
Jonse nickte, klug genug, nicht darauf hinzuweisen, wessen Idee es gewesen war. Als sie den stinkenden Abgrund passierten, zog Barn sein gewaltiges Schwert Windmacher vom Rücken und führte einen Hieb gegen die umwickelten Beinsäulen des Graumanns. Mit einem scharfen Laut zersprangen einige Taue, und aus der aufragenden dunklen Masse der Herzmaschine drang ein gefährliches Knirschen. Von irgendwo oben rieselten Rostflocken herab.
Der Barbar grunzte zufrieden und steckte seine Waffe wieder weg.
"Vielleicht sollten wir jetz' schnell machen", schlug er vor, als aus dem Knirschen langsam ein tiefes Dröhnen wurde und der Boden zu vibrieren begann.

Ein rhythmisches Donnern verfolgte sie durch den Tunnel und die Stufen zur Oberfläche hinauf. Selbst, als sie längst den schwammigen Boden des Marschlandes unter den Füßen hatten, rannten Jonse und Barn noch immer und hielten erst an, als sie etwa fünfhundert Schritte vom Graumann entfernt waren.
Schwer atmend wandte Jonse sich zu dem steinernen Riesen um.
Die Figur bot ein eindrucksvolles Spektakel. Sie schwankte hin und her, als wolle sie tatsächlich aufstehen, während Teile der gemauerten Krone von ihrem Kopf herabstürzten.
Barn nickte dem, was er für sein Werk hielt, befriedigt zu und drehte sich dann wieder um. "Komm, in drei Stunden wird's dunkel, un' wir sollten bis dahin aussem Sietland raus sein."
Jonse warf noch einen letzten Blick auf den Graumann, dann folgte er dem Barbaren.
Nachdem sie eine halbe Meile gegangen waren, kündete hinter ihnen ein ungeheures Krachen vom endgültigen Untergang des Reichs Grau.
Barn spuckte in das nasse Gras.
"Wir im Norden mögen keine Könige", verkündete er. "Un' Könige, die keine Schätze aus Gold ham, mögen wir noch weniger!"
Jonse sagte nichts. Er überlegte kurz, Barn zu erzählen, was er bei seinem letzten Blick auf den Graumann gesehen hatte, entschied sich aber dagegen. Schließlich war er sich selbst nicht sicher, ob es eine Bedeutung hatte. Außerdem mochte der Barbar jede Andeutung, dass die Statue nicht als Folge seines kühnen Schwerthiebs eingestürzt war, übel nehmen.
Aber für einen kurzen Augenblick hatte es so ausgesehen, als hätte der Graumann seine beiden Arme in einer Geste des Triumphs in den Himmel gehoben.